IN_FORMATION

LADYS* GET IN_FORMATION

Wie Beyoncé diesen Frühling in ihrem* Song Formation ganz richtig festgestellt hat: Ladys* get in_formation ist eine essenzielle Empowerment Strategie. Information sind super. Wir möchten an dieser Stelle den Hut vor Kween Bs Awesomeness ziehen und ihre* Message supporten, ohne uns dabei Schwarze Kämpfe aneignen zu wollen. Frei nach dem Motto ‚bildet euch – bildet andere – bildet banden‘ haben wir an dieser Stelle mal einige Information zusammengetragen und versuchen in diesem Text aufzudröseln, was eigentlich Gender und Kapitalismus miteinander zu tun haben, warum Queerfeminismus cool und intersektional ist und Rassismus und Nationen scheiße.

STAAT – NATION – KAPITAL? WURSTBROT!

Das, was uns die xtausendste romantische Komödie mit einem Feelgood Casting als immer dagewesene Größe verkaufen möchte, gibt es so lange dann doch noch nicht: Die bürgerliche Kleinfamilie, bestehend aus Mama (Hobbys: Gebären&Kochen), dem sehr berufstätigen Papa, zwei Kindern und – wenn es hochkommt – noch einem stubenreinen Golden Retriever im efeuumkränzten Einfamilienhausidyll, ist ein Produkt des staatlichen Kapitalismus – und vielleicht der Maggie Werbung für Spaghettisauce aus der Tüte. Die Familie – natürlich mit Eheschein und bitte schön heterosexuell – ist von Beginn an ein Schauplatz für die Manifestation gesellschaftlicher Ungleichheiten: Sei es die Verteilung von Care-Arbeit, Vorstellungen von ‚geschlechterentsprechender‘ Erziehung oder die Institutionalisierung und Regulierung von Sexualität und Begehren. Anhand der gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was Familie bedeutet und wer staatsgeprüft eine Familie sein kann, lässt sich viel über die Verhältnisse ablesen. Doch wie eingangs bereits erwähnt, gibt es dieses Abziehbildchen noch gar nicht so lange: Mit der Entwicklung des Kapitalismus im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand im Zuge der einsetzenden Industrialisierung eine historisch neue Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die eine eindeutige Trennung zwischen Reproduktions- und Produktionsarbeit vorsah. Ganz plump gesagt: Frauen* an den Herd, Männer* in die Fabrik. Im Zuge dieser Arbeitsteilung gab es auch eine räumliche Ordnung der Geschlechterdifferenz: Die Reproduktionsarbeit wurde dabei in der Sphäre des Häuslichen und ‚Privaten‘ verortet, die Produktionsarbeit fand im Bereich der Öffentlichkeit statt. Die Aufgabe der Haus_Frau* war es, Kinder zu bekommen und zu erziehen, alle satt zu kriegen und den Mann* für die Arbeit am nächsten Tag körperlich und seelisch wieder fit zu machen. Diese Aufgabenverteilung wurde hauptsächlich über den ‚weiblich*‘ konstruierten Körper begründet, der Frauen* dazu bestimmte, Kinder zu bekommen. Durch entsprechende ‚wissenschaftlich-medizinische‘ Theorien wurden Frauen* in dieser Logik überdies mit bestimmten ‚weiblichen* Qualitäten‘ belegt, nach denen alle Menschen mit Uterus super fürsorglich und eigentlich ganz wild darauf seien, sich um alles und jeden zu kümmern. Aufbauend auf bereits vorher existierenden Rollenvorstellungen entwickelten sich sehr klare ‚Geschlechtscharaktere‘, die in der Literatur neu definiert und gefestigt wurden. So erklärte zum Beispiel das „Staatslexikon für das Volk [1848] die natürliche Ungleichheit der Geschlechter (…). Die ‚Naturaufgabe‘ binde die Frauen[*] an Heim und Herd. Körper und Geist seien bei Mann[*] und Frau[*] ‚unendlich verschieden‘, daher sei ‚hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse das Verlangen der gleichen Stellung von Mann[*] und Weib[*] unvernünftig und unnatürlich‘.“ (Blum 1884 nach Brändli 1996: 100) Da gruselts einen richtig beim Lesen, gerade weil auch heute  – etwa 170 Jahre später – zu viele Vollpfosten diesen Mist immer noch glauben.

In dieser Un_Logik von Familie, Ehe und Kapitalismus war die Frau* zuständig für die Reproduktion des Mannes* sowie die der Nation – also Steaks braten und eheliche Babys gebären im gleichen Maße. Ihre* Verortung im Haus wurde über eine bestimmte körperliche Disposition (kann Babys bekommen) sowie die daraus abgeleitete, vermeintlich ‚natürliche‘ Berufung zur Hausfrau* und Mutter gerechtfertigt, womit die gesellschaftlichen Mechanismen der Ungleichheit verschleiert und als gottgegeben hingestellt wurden.

Die Frage nach der Verteilung von Care-Arbeit, oder wer hier eigentlich wem die Butter aufs Brot schmiert, müssen wir uns heute auch immer wieder stellen, da sie an Relevanz nicht eingebüßt hat.

Neben einer Kritik der momentanen Verhältnisse von Care-Arbeit, finden wir die kapitalistische Ökonomie und das Konzept von Arbeit insgesamt nicht so den Schocker. Es wird ja immer behauptet, dass Kapitalismus voll super sei und es ja anders gar nicht ginge, oder wir zumindest in der bestmöglichsten aller Versionen der Gesellschaft leben würden. Andere geben alleine den Banken die Schuld und verheddern sich schnell in ihrem strukturellen Antisemitismus, ohne Gesamtzusammenhänge auf den Plan zu kriegen. Kapitalismus als einzige Option zu begreifen und Konkurrenzgesellschaft cool zu finden, ist eine ziemlich traurige und gleichsam sehr privilegierte Aussage, denn kapitalistische Produktionsverhältnisse sind eben nicht im Interesse derer, die in Fabriken unter krassesten Bedingungen Klamotten nähen, die anschließend irgendwo teuer in fancy Läden rumhängen. Kapitalismus ist für die scheiße, die unter dem Leistungsdruck psychisch und/oder physisch kaputt gehen. Den Mythen von ewigem Wachstum glauben jene nicht, die immer weiter an den Rand der Städte gedrängt werden, weil sie sich in den plötzlich hippen Vierteln keinen Wohnraum mehr leisten können. Kapitalismus ist nichts für die, die vielleicht lieber Händchen halten würden als Ellenbogen auszufahren. Die Idee des jetzigen Sozialstaats können diejenigen nicht abfeiern, die regelmäßig vom Amt schikaniert und beschissen werden und denen man dann noch vorwirft, sie würden mit dem Minimum an Geld nicht richtig haushalten.

Eine Kritik am jetzigen System bedeutet ja nicht, dass wir bitte alle wieder in ein vorindustrielles Zeitalter zurückkehren und unsere OBs aus Baumwolle selber häkeln sollen. Luxus ist klasse, und noch viel klassenloser wäre es, wenn allealle daran partizipieren könnten. Das Anrecht auf ein gutes Leben ist gerade sehr einseitig verteilt – das nervt hart und ist super unfair. Deshalb wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der alles für alle da ist – und zwar umsonst und ganz ohne Grenzen.

Gerade ein grenzenloser, antinationaler und rassismuskritischer Feminismus ist uns wahnsinnig wichtig, vor allem auch angesichts der massiven Instrumentalisierung von Antisexismus zur Legitimierung von Rassismus im Kontext der Übergriffe in Köln. Wenn sich weiße deutsche cis-Männer*, die bislang einen Scheiß drauf gegeben haben oder im besten Fall selber harte Sexisten sind, sich plötzlich für die Sicherheit ‚deutscher‘ cis-Frauen* ereifern, wenn es sich bei den Tätern* vermeintlich (!) um Geflüchtete handelt, dann ist das einfach nur ekelhaft. Es geht nämlich bei Weitem nicht um eine wirkliche Auseinandersetzung und Kritik von sexistischen Strukturen, sondern um das Markieren von angeblichen Besitzansprüchen. Wenn es tatsächlich um eine Reflexion von Sexismus und Übergriffigkeit ginge, dann müsste man(n) sich nämlich auch mal mit sich selbst und dem eigenen Verhalten auseinandersetzen. Und auch sexualisierte Gewalt gegenüber Schwarzen Frauen*, Trans*Personen oder Women*/Queers of Color thematisieren und verurteilen.

Interessant ist, dass selbst ausgesprochene Feminist*innen ähnlich unreflektierte Argumentationen übernehmen und Antisexismus mit Rassismus verweben. Dagegen wollen wir uns klar positionieren – unser Queerfeminismus bleibt antirassistisch!

Zu Zeiten der erschreckenden Ausmaße von Pegida-Wahnsinn und der offenen Verbreitung rassistischen Gedankenguts in allen Bereichen der Gesellschaft, sowie von Übergriffen auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte, stellt sich die Frage nach den Gefahren von der Verknüpfung von Sexismus,  Rassismus und Nationalismus immer dringlicher. Diese findet ihren Ausdruck nicht nur in den zunehmenden Gewalttaten und den rassistischen Aussagen rechtspopulistischer Kartoffeln. Solche Dinge sind nur die traurige Spitze eines Eisbergs, dessen Fundament in der breiten Gesellschaft verankert ist. Eine menschenverachtende Asylpolitik, die auch von vermeintlich gemäßigten Parteien forciert wird, reproduziert rassistische Ressentiments und die Setzung einer weißen Norm.
Meinungen, die Kartoffeldeutsche anbringen, um ihren Rassismus zu begründen, beziehen sich oftmals auf nationalistische Konzepte. So nimmt die leider viel zu oft gehörte Aussage, dass zunächst ‚jeder Deutsche‘ das Recht auf einen Arbeitsplatz hätte, bevor Menschen aus ‚anderen Ländern‘ bei ‚uns‘ ihr Geld verdienen dürften, eine klare Differenzierung zwischen ‚Deutschen‘ und ‚Nicht-Deutschen‘ vor. Wer immer das auch sein mag. Allein die Begrifflichkeiten von ‚wir‘ und ‚die‘ zeigen, dass eine grundlegende Unterscheidung gemacht wird, in dem eine hypothetische Gemeinschaft ‚der Deutschen‘ generiert wird, auf die sich im Zweifelsfall positiv bezogen wird.

Dass eine Anzahl höchst unterschiedlicher Menschen ein bestimmtes ‚Volksganzes‘ bilden soll, ist ganz schön absurd. Die Nation bezeichnet eine Form der kollektiven Identität, die unter historischen Bedingungen sozial und kulturell konstruiert wird – dabei stellt sie allerdings keine unausweichliche Gegebenheit dar, sondern ist Resultat von politischen Prozessen sowie sozialem und kulturellem Wandel. Man muss sich nur mal anschauen, wie sich die Landesgrenzen durch Krieg, Annektierungen oder politische Zusammenschlüsse im Laufe der Geschichte verändert haben und damit ja immer wieder neue Menschen (gewaltvoll) zum Teil einer Nation gemacht wurden. Folgen einer gewaltsamen Zusammenfassung von Menschen zu einer Nation werden verkehrt in den rechtfertigenden Grund dieses Nationalstaates. Das Kriterium für eine Sortierung ist nicht die Ähnlichkeit der Sitten und Gebräuche bestimmter Regionen, die  Bestimmung ‚typischer‘ nationaler Eigenarten vollzieht sich willkürlich entlang von Staatsgrenzen. Ein Beispiel hierfür ist, dass die ostfriesische Teekultur ebenso wie bayrisches Weißwurstessen als ‚deutsch‘ wahrgenommen werden, eben weil diese Praxen innerhalb der Staatsgrenzen vollzogen werden und nicht, weil sie sich so ähnlich sind.

Genauso wie die Existenz einer Nation und die Zugehörigkeit dazu als etwas Natürliches generiert werden, wird auch Zweigeschlechtlichkeit als eine gegebene und unwiderrufliche Tatsache dahingestellt. Nation und Gender sind jedoch diskursiv erzeugte soziale und kulturelle Konstrukte die Differenzen produzieren: Die Konstruktion der Nation, ebenso wie die eines binären Geschlechtersystems, beruht wesentlich auf Prozessen des Ausschlusses. Darum fordern wir eine Gesellschaft ohne Grenzen und Nationen – und mit mehr als zwei Geschlechtern.

*QUEER FEMINISTISCHE KRITIK AN DER GESAMTSCHEISSE*

Schon Simone de Beauvoir hat 1949 eine Entkoppelung von Körper und sozialem Geschlecht eingefordert. Nur, weil manche Menschen einen Uterus haben, heißt das noch lange nicht, dass sie automatisch fürsorglich oder mütterlich sind und ihre Identität zwangsläufig auf reproduktive Fähigkeiten reduziert werden kann. By the way, nicht alle Personen mit Uterus können oder wollen Kinder bekommen und außerdem: Wer sagt denn, dass die Person, die den kleinen Klopper aus sich herausgepresst hat, auch gleichzeitig die Kümmerperson Nummer eins sein muss? Für ein emanzipierteres Verständnis von dem, was Familie bedeuten kann, ist es wichtig, diese Vorstellungen über Bord zu werfen und den Zwängen der bürgerlich-biologischen Kleinfamilie adieu zu sagen.

Diese von Beauvoir vorgenommene Analyse der Konstruiertheit des naturalisierten ‘Geschlechtscharakters’ wurde später durch die Begriffe sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) erweitert. Während gender als sozialisiert beschrieben wurde (also durch Gesellschaft und Erziehung beigebracht und erlernt), blieb das biologische Geschlecht unverändert als zweigeschlechtlich vorausgesetzt.

Diese in feministischen Diskursen lange Zeit als Tatsache hingenommene Unterscheidung wurde 1990 von Judith Butler in ihrem* Buch Gender Trouble kritisch hinterfragt. Butler konstatiert darin, dass auch das biologische Geschlecht nicht ‘natürlich’, sondern ein Effekt von gender und einer bestimmten wissenschaftlichen Perspektive sei. Kritische Biolog*innen geben ihr* darin Recht und sagen, dass es auch ‚biologisch‘ mehr als bloß zwei Geschlechter gibt. Es stellt sich die Frage, wonach Zweigeschlechtlichkeit eigentlich festgelegt wird? Durch das, was wir zwischen den Beinen haben? Über Chromosomen? Oder sind es doch die Hormone? Und warum braucht es eigentlich diese Einteilung und Kategorisierung von Menschen, außer durch normativen Bullshit bestimmte Machtansprüche zu festigen? Zudem haben seeehr lange Zeit irgendwelche cis-Dudes* diese Wissenschaft geprägt und festgelegt, was ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sein soll.

Butler schreibt außerdem, dass Geschlecht etwas mit Performativität zu tun hat, also dass wir jeden Tag eine Rolle mit verschiedenen Facetten spielen, die wir so gelernt haben. Wenn ich als weiblich* sozialisierte Person zum Beispiel meine Beine überkreuze, wenn ich in der Bahn sitze und der cis-Typ* neben mir schöön manspreading betreibt, also breitbeinig dasitzt und sich so viel Raum nimmt, wie seine* Eier (oder sein* Ego) brauchen. Das sind keine ‚natürlichen‘ Körperhaltungen, sondern Techniken, die wir lernen und unbewusst verinnerlichen. Wieviel Raum darf mein Körper einnehmen? Wie gehe, esse, spreche ich? Wie bewege ich mich durch welche Räume?

Wenn man mal anfängt darüber nachzudenken, wodurch ‚Geschlecht‘ eigentlich produziert wird, fallen einem bestimmt xtausend Gesten ein, die ganz klar ‚weiblich*‘ oder ‚männlich*‘ codiert sind. Deshalb ist es ja auch so vermeintlich witzig, wenn bärtige Typen* irgendwelche sexistische Werbung nachstellen – die Inszenierung ‚weiblich*‘ konnotierter Körpertechniken durch Männer* kommt einem Tabubruch gleich, der von vielen als ‚lustige‘ Mimikry angesehen wird. Gleichsam entlarven solche Brüche mit bestimmten gegenderten Codes ebenjene normativen Diskurse und können als subversive Praxis eingesetzt werden: Durch das Aneignen geschlechtlich genormter Posen kann einerseits die Absurdität dieser Werbe_Bilder verdeutlicht und gleichsam auch die performative Konstruiertheit von Geschlecht bewusst gemacht werden.

Im Alltag diese normierten Geschlechterrollen zu durchbrechen ist gar nicht so easy. Wahrscheinlich wirst du ziemlich doofe Blicke und Sprüche kassieren, wenn du dich als Frau* gelesene Person in der Bahn zwischen den Beinen kratzt oder eben breitbeinig dasitzt – zu Letzterem gab es bereits einige Videoprojekte, in denen Frauen* mit versteckter Kamera die Reaktionen auf ihre* lässige Sitzpose gefilmt haben. Die Gesichtsausdrücke der Passant*innen sind priceless – von Entsetzen zu unendlicher Irritation haben wir alle Emotionen versammelt.

Doofe Blicke sind allerdings nur ein Teil der gewaltvollen Erfahrungen, die Personen mit vermeintlich gendernonkonformem Verhalten und Auftreten alltäglich erleben. Zum Beispiel wird oftmals das heterosexuelle Begehren eines Typen* sofort in Frage gestellt und aggressiv verurteilt, der* keinen klassisch ‚männlichen*‘ Habitus hat – also vielleicht seinen* kleinen Finger von der Bierflasche abspreizt oder dessen* Hüften ein bisschen mehr shaken als die von Arnold Schwarzenegger. Wie bescheuert ist das eigentlich, von bestimmten Gesten darauf zu schließen, wen ich gern hab? Und wen interessiert das eigentlich?

Das ist beispielsweise auch eine Kritik Butlers an der Gesellschaft, die Zwangsheterosexualität. Sprich: Heterosexualität wird als Norm gesetzt und alles andere ist dann eine ‚Abweichung davon‘. Ziemlicher Bullshit, wir finden jede*r sollte die Person*en lieben, die er*sie will. Ob sich diese Person*en  nun als queer, oder Trans*, oder agender, als Mann* oder Frau* oder Inter*, oder … definieren und ob sie Persons of Color oder weiß sind, sie es zu dritt oder allein, romantisch oder platonisch, eher asexuell oder bdsm-affin zelebrieren: Solange das Ganze auf Konsens beruht und alle damit glücklich sind, ist doch alles tutti. Es gibt  aber leider immer noch wahnsinnig viele Menschen, die das nicht so sehen und dieser Ignoranz möchten wir in unseren queerfeministischen Kämpfen begegnen.

Eine intersektionalere Perspektive hat sich auch Butler für den Feminismus der 90er gewünscht. Dort wurde sich oftmals nur auf die politische Kategorie der Frau* (obwohl damals klar ohne Sternchen gedacht) bezogen. Es kann aber a.) sowieso nicht davon ausgegangen werden, dass es eine homogene Gruppe von Frauen* gibt und b.) wird durch diese Essenzialisierung (also die Annahme einer universell-wesenshaften ‚Weiblichkeit*‘) eben eine neue Kategorie gebildet, die nur bestimmt definierte Individuen adressiert. Butlers Gegenvorschlag zu diesem einseitigen Feminismus war zum einen die Dekonstruktion von Geschlechterkategorien überhaupt, als auch Heterosexismus und Intersektionalität auf den Plan zu kriegen.

*INTERSEKTIONALITÄT – EIN BLICK IN DIE SCHUBLADEN*

Es gibt neben (Hetero)Sexismus noch andere Machtlinien und Diskriminierungsstrukturen in unserer Gesellschaft, wie Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, Ableism oder Lookismus. Ganz schön viele -Ismen, zugegeben. Besonders scheiße wird es, wenn du von diesen -Ismen betroffen bist: Also wenn du beispielsweise Schwarz bist und von Leuten aufgrund dessen anders als eine weiße Person behandelt wirst, weil Weißsein immer noch als unsichtbare Norm gesetzt wird. Oder (struktureller) Antisemitismus teilweise immer noch salonfähig ist und du dir als Jüd*in irgendwelchen verschwörungstheoretischen Mist anhören musst. Oder wenn du als Kind von Harz IV Empfänger*innen mal wieder nicht auf irgendeine Klassenfahrt mitfahren kannst, weil niemand mal auf die Idee kommt, coole Sachen zu organisieren, bei denen wirklich alle mitmachen können, unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern. Oder wenn du und dein*e Freund*in euch nicht küssen könnt in der Öffentlichkeit, weil irgendwelche homo/trans*phoben Arschsäcke euch doofe Kommentare hinterherrufen. Oder wenn du als Rollstuhlfahrer*in mal wieder nicht das coole Konzert am Wochenende besuchen kannst, wegen der bekackten Treppen. Oder wenn dein awesome fetter*kleiner*großer*dünner*haariger*gestreifter Body gesellschaftlich beständig (negativ) bewertet und kommentiert wird, obwohl du niemanden um eine Meinung gefragt hast.

Personen können von verschiedenen Diskriminierungen betroffen sein, oder von mehreren gleichzeitig, weil sie verschieden in der und durch die Gesellschaft positioniert werden. Eine weiße Mittelstands-cis-Frau* erfährt beispielsweise andere Sachen, als eine Schwarze Trans*Frau*. Erfahrungen von FLIT* Personen sind nicht alle gleich, manche erleben neben dem alltäglichen Sexismus noch Trans*phobie, andere Rassismus oder aber beides gleichzeitig. Die Analyse, wie sich diese verschiedenen Kategorien bedingen, in die dich die Gesellschaft packt und wie sie miteinander verwoben auf Personen wirken, heißt Intersektionalität. Ein queerer Ansatz versucht Kategorien wie Geschlecht zu dekonstruieren, intersektionale Ansätze versuchen zu verstehen, wie diese gerade noch existierenden Einteilungen miteinander funktionieren. Klingt verschieden – schließt sich aber gegenseitig nicht aus: Eine intersektionale Perspektive sollte immer auch Teil einer queerfeminisministischen Kritik sein, denn obwohl das Ziel ja eigentlich ist, den Zwang von Kategorien abzuschaffen und frei und gleich und glücklich zu leben, ist es für eine Bestandsaufnahme der Gesamtscheiße und dem, was gehörig schief läuft, sehr wichtig zu checken, in welche Raster die Gesellschaft Menschen packt und was das mit Macht und Ungleichheit zu tun hat. Deshalb beziehen wir uns in vielen Texten auch noch auf den Begriff der Frau*, da die gesellschaftliche Realität leider immer noch ziemlich unqueer ist und Menschen kategorisch einteilt in zwei Geschlechter. Darunter verstehen wir allerdings keine biologistische Kategorie, sondern ein Konstrukt. Zudem umfasst der Begriff alle Personen, die sich als Frauen* verstehen, bzw. die von der strukturellen Diskriminierung des heteronormativen Patriarchats betroffen sind.

*KRITIK AN DER KAPITALISMUSKRITIK ODER: HAT HIER JEMENSCH NEBENWIDERSPRUCH GESAGT?*

Manche Menschen in linken Kontexten sagen, wenn erstmal der Kapitalismus abgeschafft ist, dann leben wir alle im Happyland ohne Ungleichheiten. Deshalb ist Queerfeminismus nicht so wichtig und mit sexistischen Strukturen (auch im eigenen Leben) müsse man(n) sich gar nicht beschäftigen, das würde sich ja eh erledigt haben, wenn man(n) genug Sticker mit fetzigen Antikapitalismussprüchen verklebt. Nebenwiderspruch nennen das Leute, die ihren Bullshit in klug verkaufen wollen. Kapitalismus fußt aber auf Geschlechterdifferenz und den Konzepten Familie, Ehe, Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität genauso wie auf Rassismus, Nationalismus und einer bestimmten Ökonomie. Die Kritik und Transformation der Verhältnisse MUSS zeitgleich passieren, denn nur wenn sich das Geschlechterverhältnis verändert und auflöst, kann die Ökonomie mit der Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit so auch nicht mehr aufrechterhalten werden. Außerdem: Rassismus und Heterosexismus sind ja nicht nur in der kapitalistischen Ordnung begründet, sondern existieren auch ohne sie. An den Gegebenheiten muss sich grundlegend etwas ändern und eine Auseinandersetzung damit kann nicht einfach auf die Wartebank geschoben werden. Wir wollen nicht nur Däumchen drehen bis zum Sanktnimmerleinstag und warten, bis sich der Kapitalismus selbst weggewirtschaftet hat. Unsere Kritik setzt hier und jetzt an, bei uns selber, in unserer Crew, in der Schule, in der Szene, im Alltag. Der erste Schritt ist zu erkennen, was uns stinkt – um dann zusammen für eine coolere Gesellschaft zu fighten (mit unseren Mitteln & Ressourcen), in der Geschlecht sowas von yesterday und Solidarität angesagt ist.

Her mit dem schönen Leben – sofort und mit Kirsche drauf.

 

*: Das Sternchen hinter Begriffen wie Mann* oder Frau* soll verdeutlichen, dass es sich dabei um Konstrukte handelt. Auch wenn sich in der gesellschaftlichen Logik auf biologistische Zweigeschlechtlichkeits-Kackscheisse bezogen wird – wie beispielsweise in der Theorie der Geschlechterdifferenz im Kapitalismus, oder im Text über cis-Personen geschrieben wird, setzten wir als Autor*innen hinter diesen Wörtern trotzdem das Sternchen, um deren Gemachtheit aufzuzeigen.

 

 

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