HAARIGE ANGELEGENHEITEN

Hier geht’s jetzt ein bisschen um Körper‚pflege‘ und Haare. Überall. Mensch Meyer ist weiß, ihre* Eltern sind keine Akademiker*innen und sie* ist weiblich* sozialisiert, bezeichnet sich dennoch ungern als Frau ohne *. Bisher fühlte sie* sich zu Cis-Typen* hingezogen.

Andere Frauen* können andere Realitäten haben.

Gibt es Werbung in denen Frauen* verschwitzt Coladosen durch die Gegend schleppen und durch ihren* Schweiß ungewaschen sexy wirken? Männer* sind sexy, wenn sie* schwitzen. Sie* gucken auch grimmig und selbstbewusst in den Spiegel, wenn sie* ihre* For-Men-Gesichtscreme auftragen. Frauen* tun das nicht, sie* sind froh, endlich schöner zu sein.

Werbespots, Zeitungsanzeigen, wenns um Duschgel, Shampoo, Deodorants, Reinigungsmittel fürs Gesicht und all den anderen Krempel geht, sind meistens Frauen* die Adressat*innen. Woran das zu erkennen ist? Es steht nicht „for Men“ auf dem Etikett. Ob das Produkt sportlich nach Minze oder fruchtig nach Grapefruit riecht, die stillschweigende Voraussetzung ist: Alles andere ist für Frauen*körper. (Hier stellt sich die Frage, was an Zitrusfrüchten ‚weiblich*‘ riecht. Oder noch besser: Überhaupt, was riecht eigentlich weiblich*?)

Damit auch gar nichts nach dem eigenen Körper riecht, gibt es spezielle Intimwaschlotionen. Auf der Verpackung sind stilisierte ‚weibliche* Rundungen‘ abgebildet. Mal wieder was speziell für Frauen*. Ich habe daraufhin eine eher rudimentäre Internetrecherche betrieben. Es gibt bestimmt irgendwo Waschlösungen für Penisse, aber Männer* müssen da schon genauer suchen. Ich habe nichts gefunden.

Die Muschi soll nicht riechen. Da ist es dann auch egal, ob Waschlotionen oder Intimtücher schlecht für die Scheidenflora sind.

Je mehr ich mich mit Feminismus auseinandergesetzt habe und dem Zwang zur Reinlichkeit und Possierlichkeit, desto weniger duschte ich mich (Hier möchte ich darauf hinweisen, dass Duschen nicht unfeministisch ist!).

Warum dusche ich mich weniger? Ich möchte mich vom Zwang der Reinlichkeit befreien. Ich möchte keine Blume oder Frucht oder andere Pflanze sein. Ich möchte auch nach mir riechen. Ich will bei heißen Temperaturen nicht zweimal am Tag duschen, damit ich auf keinen Fall meine Mitmenschen mit meinem Geruch belästige und schön frisch bin und möglichst unscheinbar wirke.

Ich habe meinen Körpergeruch als eine Art Raumnahme erfahren. Mir geht es nicht darum, beißend zu riechen und Menschen abzuschrecken. Ich möchte aber so riechen können, wie ich rieche und dadurch eben auch Präsenz zeigen.

Ich habe ungewaschene Haare und rieche nach mir selbst. Ich habe weniger Stress. Ich hab da auch eine Art Entdecker*innenfreude: Wie verändert sich mein Geruch?

Allerdings bin ich in dieser Hinsicht als weiße Person privilegiert. Ich kann nicht nach Parfüm und Deo riechen und werde nicht rassistisch verurteilt. Außerdem kann ich mich für und gegen das Duschen entscheiden, da ich das Privileg habe, Zugang zu einer Dusche zu haben.

Dürfen Frauen* wirklich ‚natürliche‘ Individuen sein (Ich mag den Begriff des ‚Natürlichen‘ häufig nicht, da Natur viel zu oft mit Reinheit – auch so ein Scheiszwort, gerne auch im NS verwendet – in Verbindung gebracht wird. Außerdem sind ‚natürliche‘ Frauen* in der Werbung trotzdem geschminkt und gephotoshopped. In einer Episode der Serie Die Nanny fragte die Protagonistin einmal, wann das natürliche Makeup endlich wieder out ist, weils so aufwändig ist.) oder sollen sie* durch Düfte gezähmt werden?

Werden Menschen durch übertriebene Reinlichkeit mehr zu Objekten oder Puppen1, eingeengt in eine Norm?

Duschen kann natürlich auch eine wahre Freude sein. Aber das genussvolle Duschen war hier nicht Thema.

Was zeichnet Puppen im Normalfall, außer Geruchlosigkeit, noch aus? Sie sind glatt. Wenn vom Kopf abgesehen wird, gibt es keine Puppen mit Körperbehaarung.

Hier möchte ich noch einmal kurz darauf eingehen, weshalb ich das Wort Puppe verwende. Ich denke, dass Frauen* viel Zeit in Make-up, Duschen und all den Kram verwenden müssen, damit sie* ‚perfekter‘ sind, eine Schönheitsnorm anstrebend, die nicht erreicht werden kann. Viele Frauen* versuchen gleich und perfekt auszusehen, und ‚Nicht-Normschönes‘ zu übertünchen. Insbesondere Trans*Frauen* sind oftmals dem gesellschaftlichen Zwang ausgesetzt, sich schminken zu ‚müssen‘, um als Frauen* gelesen zu werden, obwohl sie* das ja auch ganz ohne Mascara sind. Das Gesicht aus Lust an der Freude zu schminken ist ja klasse, sich aber ohne Makeup unwohl zu fühlen aus Angst vor doofen Kommentaren ist eine ganz andere Sache.

Es gibt unendlich viele Menschen, die fragwürdige weiße Schönheitsideale nicht erreichen können.

Menschen sind nie perfekt. Wobei es schön ist, wenn sich Menschen unabhängig von Normen und anderen Menschen als genau richtig und perfekt empfinden.

Was bewirkt Rasur denn noch, außer sich schön glatt anzufühlen? (Wenn sie nicht praktische Gründe hat…) Sie verändert Körperkonturen, macht Dinge auch unsichtbar. Ich bemerke immer wieder, dass es mich erstarren lässt, wenn meine Intimbehaarung wegen der kurzen Hose oder des Bikinis zu sehen ist. Das mag für manche albern klingen, aber ich habe festgestellt, dass es anderen auch so geht. Menschen könnten wissen, dass ich eine Muschi habe?! Dass ich irgendwie doch ein Mensch bin, dass auch ich Geschlechtsteile habe, die sich nicht durch irgendwelche Jeans abzeichnen.

In der Bravo gabs mal 100 Tipps für Mädchen* wie sie* Jungs* gefallen könnten (die wurden wieder rausgenommen, nachdem es einen sogenannten Shitstorm gab, dass das ja sexistisch sei). Dazu zählt auch perfekt rasierte Beine und Achseln, denn Mädchen* sollen gepflegt auf Jungs* wirken. Mädchen* sollen überhaupt nichts!!

Beinbehaarung ist unweiblich* und Achselhaare sind ekelig.

Frauen* haben keine Haare. Nirgendwo. Nicht um die Brustwarzenvorhöfe, keine Schnauzbärte, keine Kotletten. „Mach die Haare weg, das fühlt sich komisch an“ hat mal ein Typ* zu mir gesagt. Außer am Kopf natürlich! Da soll das Gesicht schön eingerahmt werden. Das ist sogar bei selbsternannten systemkritischen Menschen wie Punker*innen auffällig: Frauen* haben zum allergrößten Teil rasierte Beine und Achseln. Und wenn was am Kopf rasiert wurde, dann gibt es zumindest einen Pony. Denn das ist ja schön weiblich*. Ich verurteile es nicht, sich zu rasieren. Ich prangere nur die Mechanismen an, die diesen Druck aufbauen.

Allerdings gibt es in der queerfeministischen Szene einen anderen Ausschlussmechanismus. Frauen*, die sich dazu entschieden haben, sich zu rasieren, sind ernsthafter Verurteilung ausgesetzt und müssen sich rechtfertigen, weshalb sie* sich rasieren. Natürlich müssen sie* es nicht!

Und nun? Sei ein stinkiges, haariges Monster. Unweiblich*. Oder auch nicht! Das ist dann genau richtig so.

 

FUSSNOTE

Puppe ist ein Wort, dass gerne von Cis-Typen* abfällig für Frauen* verwendet wird. Deshalb ist es schwierig es zu verwenden. Allerdings habe ich kein anderes Wort gefunden, das zu meinen Überlegungen passt. Beim Wort Objekt fehlt mir die menschliche Form.

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