Schlampe – Über die Bewertung sexuellen Wollens

In unserem Alltag begegnen wir häufig Sexismen, die von vielen Menschen überhaupt nicht als solche wahrgenommen werden. Für Menschen, die sich schon etwas mehr mit dem Thema befasst haben, sind sie allerdings nur allzu offensichtlich und mensch steht vor der Frage, wie andere sich daran gar nicht stören können.

Zum Beispiel: Warum ist es sexistisch, jemanden als ‚Schlampe‘ zu bezeichnen und die Benutzung dieses Wortes als eine Beleidigung für alle als Frau* wahrgenommenen Personen hinzustellen, ganz gleich ob diese jetzt mit der Bezeichnung gemeint waren oder nicht?

Im weiteren Artikel wird viel von ‚der Frau*‘ und ‚dem Mann*‘ gesprochen. Ich beziehe mich damit auf die gesellschaftlich gängigen Kategorien, in die Menschen bei Geburt anhand von Penis oder Vagina eingeteilt und nach denen ihr Handeln beurteilt wird. Dieser Beitrag deckt längst nicht alle Erfahrungen und Problematiken ab, die Menschen mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten oder sexuellen Orientierungen in Hinsicht auf die Bewertung ihres sexuellen Wollens machen können, sondern bezieht sich vor allem auf den heterosexuellen Normzustand.

Auffällig ist zunächst die Doppeldeutigkeit des Wortes, das ja eigentlich von ‚schlampig‘ im Sinne von ‚unordentlich‘ kommt. Unordentlichkeit oder Schmutzigkeit sind beides Dinge, die mit dem weiblichen* Rollenbild viel schlechter vereinbar sind als mit dem männlichen* und demnach bei Mädchen* und Frauen* viel negativer bewertet werden. Über Schmutzigkeit und Unanständigkeit kommen wir leicht zu der gebräuchlicheren Bedeutung des Wortes, nämlich ‚Schlampe‘ als eine Frau*, die Sex außerhalb einer monogamen Beziehung hat, was einer patriarchalen Moral zufolge was Schlechtes ist. Nach dieser Logik ist eine Frau* nur ‚anständig‘, wenn sie* monogam lebt, sich also auf einen Mann* beschränkt, der* exklusiven ‚Zugang‘ zu ihrer* Sexualität hat und damit auch Anspruch auf die Kinder, die daraus entstehen könnten. Schläft eine Frau* mit vielen Männern*, sinkt zum einen ihr* Wert als Besitzobjekt für den Mann*, da etwas, das jeder* haben kann, natürlich weniger toll ist. Zum anderen könnte sich ein Mann* nicht mehr sicher sein, ob die aus dem Verhältnis entstehenden Kinder tatsächlich von ihm* sind und die Frau* als Folge daraus seine* Unterstützung verdient hat, auf die sie* im Zuge patriarchaler und kapitalistischer Abhängigkeitsstrukturen angewiesen wäre: Das Aufziehen der Kinder bleibt im Zweifelsfall an der Frau* hängen. Um dies zu tun, ist sie* häufig von Lohnarbeit abhängig, hat aber wegen der Kinder weniger Zeit dafür und ist nach kapitalistischen Kriterien eine weniger effektive Arbeitskraft, die dann auch schlechter bezahlt wird. Die Versorgerrolle kommt nach patriarchaler Tradition dem Mann* zu, der* sich aber nur ‚seiner*‘ Frau* und ‚seinen*‘ Kindern verpflichtet fühlen muss.

Beim Mann* funktioniert die Bewertung sexueller Freizügigkeit eher andersrum: Hat er* Sex mit vielen Frauen*, zeugt das von seinen* männlichen* Fähigkeiten, sich ‚Zugang‘ zu möglichst vielen Frauen* zu verschaffen. Ein ausgeprägtes sexuelles Bedürfnis im Sinne von ‚viel Sex wollen‘ wird als ‚natürlich‘ für einen Mann* angesehen. Das kann auch für Männer* problematisch werden, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen diesem Bild gerecht zu werden obwohl es mit seinen* tatsächlichen Wünschen vielleicht gar nichts zu tun hat. Er* hat aber nicht die negativen Bewertungen und Konsequenzen zu befürchten wie eine Frau*, die ihre* sexuellen Bedürfnisse erfüllt. Zum einen wird die Sexualität des Mannes* nicht in gleichem Maße in den Dienst der Reproduktion gestellt, da er* keine Kinder austragen kann. Zum anderen ist im gesellschaftlichen Denken der Mann* der*jenige mit dem sexuellen Willen, die Frau* ist die*jenige, die* nachgibt (oder genommen wird), ‚die Beine breit macht‘ oder ‚flachgelegt wird‘ – sprachlich interessant ist auch die Phrase ‚gefickt werden‘, die auch auf Männer* angewendet werden kann im Sinne von ‚das Nachsehen haben‘, betrogen oder abgewertet werden. Eine Frau*, die* von sich aus mit vielen Männern* Sex haben will, gilt als promiskuitiv, unanständig, wenn nicht gar psychisch gestört oder zumindest selbstschädigend. Als aktiver Part tritt eine Frau* wenn es um Sex geht höchsten dann in Erscheinung, wenn sie* den Mann* verführt: Dann aber meistens um etwas Bestimmtes zu erreichen, nicht einfach aus eigener Lust heraus – diese Pseudo-Macht, die Frauen* hierbei zugeschrieben wird, wäre nochmal einen eigenen Artikel wert- und eine Frau*, die* sowas tut, ist vermutlich auch eine ‚Schlampe‘. Eine Frau* mit eigenem sexuellen Willen wird höchstens innerhalb der eigenen (monogamen) Partnerbeziehung geschätzt: Hier darf eine Frau* gerne ‚willig‘ und ‚versaut‘ sein, nicht aber, wenn es um andere Männer* geht. Sie* soll es auch nicht sein, wenn es sich bei der Frau* um die eigene Schwester oder Mutter handelt, diese werden gerne als nicht-sexuelle Wesen, als ‚rein‘ und daher respektabel betrachtet. Hier gilt es dann die Frau* vor dem sexuellen Willen der anderen Männer* zu ‚schützen‘.

Dieser Gedankengang zeigt, wie die extrem negative Bewertung einer nicht monogam lebenden Frau* und die Beleidigung als ‚Schlampe‘ letztendlich auf patriarchale Besitzansprüche zurückgeht, in denen die Frau* als Objekt angesehen wird und nicht als Subjekt mit eigenen Zielen und Bedürfnissen. Oft wird behauptet, solches Denken sei altmodisch und längst überholt, aber gerade die allseits gebräuchliche abwertende Kraft der Beleidigung als ‚Schlampe‘ zeigt, wie diese sexistischen Denkweisen noch immer die Gesellschaft prägen.

 

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