Ist es eigentlich ‘unfeministisch’ zu heiraten? Und wer genau hat eigentlich das Recht darüber zu urteilen? Ich hab’s gemacht, ich hab geheiratet. Bin ich jetzt weniger emanzipiert? Weniger selbstständig? Mehr abhängig? Und eigentlich auch ein bisschen mehr dumm als Andere?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich bis vor Kurzem genau so gedacht, da ich die Motivation, aus Liebe zu heiraten, nie verstanden habe. Die Reproduktion von alten Werten, in der die Frau* in der Küche und der Mann* bei der Arbeit verortet wird. Etwas, das weder notwendig ist, noch irgendeine Art von Sicherheit gibt. Denn was bedeutet so ein Wisch, der mir vor dem Staat bestätigt, dass ich ab jetzt nicht mehr ledig bin (außer natürlich steuerliche Vorteile oder auch ein Visum für Deutschland, du olles bürokratisches Miststück). Privilegien? Ja. Sicherheit? Nein. Gewissheit? Bestimmt nicht. Probleme? Ein bisschen. Auch mit einigen Freund*innen und Bekannten. Weil ich mich rechtfertigen muss. Warum ich auf einmal an ’sowas’ glaube, an die ewige Liebe. Warum gerade ich, wo ich doch immer diejenige war, die dem Konstrukt Ehe besonders kritisch gegenüber stand. Warum jetzt schon? Es ist doch noch viel zu früh! Ob ich denn glaube, dass das die richtige – oder noch besser – „vernünftige“ Entscheidung ist? Ob das denn mit meiner ‚feministischen Haltung’ zu vereinbaren sei. Weil ich mich den konservativen und veralteten Vorstellungen des Staates von der „typischen“ Kleinfamilie (verheiratet, hetero) unterwerfe.

„Dann ist er auch noch Türke!“, scherzen meine weltoffenen und unlustigen Gesprächspartner*innen. „Da musst du besonders aufpassen! Nachher musst du noch Kopftuch tragen!“ Ha….ha….ha…. War natürlich nur ein Witz. „Aber es könnte doch sein, dass bestimmte kulturelle Unterschiede da sind und Probleme verursachen…“, kommt dann noch etwas leiser und ernsthafter hinterher. Ob ich mir darüber auch Gedanken gemacht habe! Nee, noch nie. Mache ich generell nie. Abgesehen davon, dass ich bei Diskussionen über ‚kulturelle Unterschiede’ immer einen leichten Brechreiz unterdrücken muss (denn ein Glück sind alle Deutschen so und alle Türk*innen so, irgendwas zwischen diesen Stereotypen gibt es nicht – hurra, die Welt ist so einfach!) – seit wann werde ich behandelt, als ob ich nicht meine gesamte Hirnkapazität in dieser Entscheidung um Rat gefragt hätte!

Klar, ihr dürft euch Sorgen machen und klar, wir wurden unterschiedlich sozialisiert. Es gibt sogar Verständnisschwierigkeiten. Aber die hatte ich bis jetzt mit fast allen Menschen, egal welcher Nationalität.

Doch es gibt auch die Gegenseite! „Bist du nicht die, die ihren türkischen Freund geheiratet hat, weil er sonst zum Militär muss? Respekt!“, springt mich ein Mädchen auf einer Party an, welches ich nicht mal mit Namen kenne. Wow! Menschen kennen und wertschätzen mich also aufgrund der Annahme, ich hätte geheiratet, um einem anderen Menschen eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen. Diese Ansicht irritiert mich, denn die Aussage lässt jegliche Art von emotionaler Beziehung und die Position meines Partners außen vor. Der hat nämlich sein komplettes Leben aufgegeben um mit mir in einem Land zu leben, welches sich nicht gerade mit einer glänzenden ‚Einbürgerungspolitik’ rühmen kann und gerade Menschen mit türkischem Background nicht besonders offen gegenübersteht (ich denke hier nicht nur an den NSU).

Ich weiß nie, wie ich reagieren soll. Soll ich mich erklären, rechtfertigen oder doch einfach alles hinnehmen?

Selbst Leute, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, die mich nicht wirklich mehr kennen, meinen, ihren Senf dazu geben zu müssen. Mich zur Vernunft bewegen zu können, mich zu belehren. So fühlt sich das zumindest an. Ganz selten hat mir mal jemand zu meiner Entscheidung gratuliert. So wie ich das von Anderen gehört hatte.

An dieser Stelle muss ich mir leider auch an meine eigene Nase fassen. Denn wenn ich mich recht erinnere, ist es auch mir schwergefallen, eine solche Entscheidung zu verstehen, zu tolerieren oder gar nachzuvollziehen. Und wie ich mich kenne, hat mein Gesicht genau das an mein Gegenüber vermittelt. Ich würde mich gerne im Nachhinein für meine dummen Kommentare/ Gesichtsentgleisungen bezüglich eurer Entscheidungen entschuldigen. Manchmal muss ich erst Sachen am eigenen Leib erfahren, um anders denken zu können. Leider.

Meine Frustration über diese endlosen Debatten ist groß geworden. Sie wurde lange gefüttert und hat mittlerweile Bauchschmerzen. Gerade bekommt sie Durchfall, wie ich an dem Tag der offiziellen Eheschließung. Denn natürlich kenne ich all die Sorgen und Bedenken, hatte ich selber. Und vielleicht werde ich alles einmal ganz furchtbar doll bereuen, vielleicht aber auch nicht. Sicherheit – vor allem emotionale – gibt es nicht. Noch so ein Konstrukt.

Mein Hirnschmalzdurchfall nimmt langsam Form an. Wenn du so willst, formiert er sich gerade zu einer ganzen Anti-Haltung. Anti-Menschen, die denken zu wissen, was gut ist für mich, oder was nicht. Oder Anti-Menschen, die sich anmaßen, über meinen Emanzipationsgrad zu urteilen, obwohl sie keine Ahnung haben. Ich möchte mich nicht zwischen zwei Varianten entscheiden müssen. Zwischen ‚Ehe’ scheiße finden – weil das Konstrukt veraltete Werte reproduziert. Oder eben doch nur heiraten wegen des Aufenthaltstitels. Denn das würde rechtfertigen, warum ich entgegen meiner Prinzipien handele. Diese zwei Sichtweisen schließen alles aus, was dazwischen ist und sein kann.

Wo bleibt nochmal die Selbstbestimmung? Die hat sich gut versteckt, hinter verhärteten Ansprüchen und Erwartungen. Sie sitzt kleinlaut neben meiner Unabhängigkeit, die manchmal doch ein wenig Schiss um ihre Existenz hat. Dabei kann sie eigentlich selbstbewusst nach draußen kommen und meine Unabhängigkeit gleich an die Hand nehmen. Denn meine Ehe ist, was ich daraus mache. Sie muss nicht für immer halten, wie jede andere Beziehung auch (nicht). Und ja, es gibt Probleme (besonders dann, wenn der/die Partner*in keinen schicken deutschen Pass hat), aber auch die sind lösbar.

Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass ich hier nicht nur für meine Art der Ehe spreche, und auch nicht nur für die Ehe. Die kann in diesem Kontext nur als Beispiel für eine Vielzahl von Entscheidungen herhalten.

Lieb doch wen du willst. Heirate doch wen du willst. Wann du willst und wie oft du willst. Und wenn es sein muss, dann auch in der Kirche. Ich muss deine Gründe nicht verstehen. Genau so wenig wie ich auf Grund deiner Entscheidungen auf deinen Emanzipationsgrad schließen kann.

Und ihr Anderen, hört auf zu urteilen. Denn eure Erwartungshaltung zeugt auch nur von einem Bild, wie eine Feministin* zu sein hat. Das, was ein vermeintlicher Widerspruch zu sein scheint, kann eine Lebensrealität sein, die immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden muss.

Ich kann auch eine verheiratete Feministin* sein. Eine, die aus Überzeugung (aus welcher auch immer) diesen Wisch unterschrieben hat, weil ich es in dem Moment für richtig oder auch notwendig erachtet habe und weil ich es eben so wollte.

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