Ein Thema, das sich durch mein ganzes Leben zieht. Nicht positiv, nicht negativ, aber doch anwesend. Fast immer.

Ziemlich lang war ich klein. In dem Spiel ‚wir stellen uns alle nach der Größe auf‘ in meiner Schulklasse war ich immer weit hinten. Mit ca. 12 oder 13 bin ich dann gewachsen. Auf einmal, aus dem nichts. Ich bekam Wachstumsstreifen am Po, alle Freund*innen waren kleiner, viele Jungs auch. Nur Nachteile, wie ich fand.

Meine Cousine wurde hormonell in ihrem Wachstum gestoppt, weil sie sonst 1,90m geworden wäre. Das kann man in einer Spezialklinik messen lassen, mit einer Röntgenaufnahme der Hand. Auch ich ging in eine solche Klinik um mein Wachstum zu stoppen, denn ich wollte nicht so groß sein. ‚Leider’ durfte ich nicht, denn die Grenze liegt bei 1,82m für Frauen* und die würde ich nicht überschreiten. Obwohl ich wusste, dass meine Cousine in der Zeit der Hormontherapie körperlich gelitten hatte,  war ich enttäuscht. 1,82m groß – als Frau*, für mich unvorstellbar und schrecklich.

Seit ich 14 bin, bin ich 1,80m (morgens 1,81m, abends 1,79m). Laut Spezialklinik groß, aber anscheinend noch akzeptabel ‚für eine Frau*‘. Ab 1,82m hingegen nicht mehr. Eine spannende Grenze, die Irgendwer irgendwann einmal gesetzt haben muss, um normschöne Frauenkörper hormonell zu erschaffen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Vieles ab einer bestimmten Größe schwieriger wird als Frau*. Hosen zu kurz, Ärmel zu kurz, Schuhe zu klein. Mit meiner Größe nicht wirklich ein Problem, aber dennoch nervig.

Schlimmer hingegen fand ich, dass ich nun viele meiner Freund*innen überragte. Ich schämte mich für meine Größe, versuchte mich durch krumme Haltung kleiner zu machen. Zahlreiche Fotos, auf denen ich – in meinen Teenagerinnenaugen – wie ein Leuchtturm aus der Masse rage. Viele Jungs*, die ich toll fand, waren zu klein – denn Junge* kleiner als Mädchen* war eine schlimme Vorstellung für mich. Schließlich konnte ich mir jeden Tag aufs Neue die normierten Ideen und vermeintlichen Körperideale anschauen, in denen der große, muskulöse Mann* schützend seine Arme um die kleine, schlanke Frau* legt, sie hingegen lächelt ihn dankbar mit großen Augen an (ich empfehle hierfür noch einmal alle Fotolovestorys aus der Bravo, aber auch sämtliche Hollywood Filme oder Werbungen können als Beispiele herhalten).

Ich begann mir einzureden, dass ich auch wegen meiner Größe in Bars nicht angesprochen würde, weil unattraktiv oder angsteinflößend. Aus meiner passiven Rolle heraus zu treten, Selbst aktiv werden und jemanden ansprechen war für mich ausgeschlossen. Entgegen aller Erziehung von Seiten meiner Alt-68iger Eltern hatte sich in meinem Kopf die Idee breit gemacht, dass ich als Mädchen* lieber abwarten sollte, der aktive Part war in meinen Augen doch eher dem Typen* überlassen. Ich wollte klein und süß sein, wie meine Freund*innen, die in meiner Wahrnehmung natürlich ständig angesprochen wurden und bei Jungs* den ‚Helferinstinkt‘ auslösten. Dass dies für einige meiner Freund*innen mitunter auch unfassbar nervig war (denn natürlich heißt klein nicht gleich süß und hilfsbedürftig sein!), kam mir vor wie Blödsinn. Denn begehrt werden war für mich in diesem Alter ein extrem wichtiges Thema. Eine ebenfalls größere Freundin von mir erzählte mir mal, dass es helfen würde, wenn man sich etwas in die Knie beugt und dann schräg von unten dem Angebeteten in die Augen lächelt. Ich muss dabei total bescheuert ausgesehen haben, hat auch nicht funktioniert.

Ich begann Mädchen* zu verachten, die ihre Größe – oder Kleine – in meiner Wahrnehmung ausnutzen, um Handlungen zu erreichen. Süß und hilfsbedürftig sein war schwach in meinen Augen. Und dennoch wollte ich beides so gerne. Dieses Gefühl ist noch sehr präsent in meinem Gedächtnis. Was ich damals nicht bemerkt habe, ist die Konkurrenz, die sich in meine Freundschaften geschlichen hatte und die Vieles kaputt gemacht hat. Leider habe ich nicht gemerkt, dass diese Denkmuster von Außen geschürt wurden, dass mich die Medien jeden Tag aufs Neue für blöd verkauften und dass ich dieses Spiel mitgespielt habe.

Mit der Zeit begann ich mich etwas wohler zu fühlen, Vorteile zu bemerken und mir endlich nicht mehr zu wünschen, dass ich klein und süß wäre. Ich bemerkte, dass ich ohne Probleme an Türsteher*innen vorbei kam, denn groß = mindestens 18 Jahre und ich erfuhr, dass große Frauen* viel erfolgreicher im Job sein würden (Mich würde im Nachhinein interessieren, wer mir diesen Stuss verklickert hat). Doch beim Kennenlernspiel in der Introwoche meiner Uni sollten wir uns wieder einmal alle nach der Größe aufstellen. Ich war weit vorne, vor den meisten Jungs*. Sogar mit 20 Jahren war mir das noch nicht egal.

Heute bin ich sehr zufrieden mit meiner Größe. Ich mag es, nicht immer, aber meistens. Heute weiß ich, dass ich Vieles auf meine Größe projiziert habe, welches ich nicht damit in Zusammenhang bringen kann. Und noch immer verfalle ich manchmal in Denkmuster, in denen ich mir einbilde, Menschen würden mich auf Grund meiner Größe anders behandeln.

Diesen Punkt zu erreichen hat mich viele Jahre gekostet.

Und die Liste an dergleichen Emotionen oder Ansprüchen der Gesellschaft kann endlos weiter gehen: Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu feminin*, zu unfeminin*, zu maskulin*, zu wenig maskulin*, zu schick, zu schluffig, zu uninteressant, zu dunkel, zu hell, zu warm, zu müffelig, zu viel Parfüm, zu wenig Bart, zu bärtig, zu viele Haare, zu wenig Haare auf dem Kopf, zu wenig rasiert, zu viele Stoppeln, zu kleiner Po, zu großer Po, zu kleine Brüste, zu schiefe Brüste, zu große Brüste, zu große Schamlippen, zu dellig, zu flauschig…. Die Erwartungen der Gesellschaft an Körper sind enorm. Und ich kann mir gut vorstellen, dass ich nur einen winzig kleinen Teil von dem erlebt habe, was andere Menschen tagein tagaus erleben.

Die Gesellschaft hat ein ganz eigenes Bild von ‚der perfekten Frau*’ und ‚dem perfekten Mann*’ erschaffen und dieses wird von den Medien jeden Tag aufs Neue reproduziert. Ein ‚Dazwischen’ gibt es zwar, allerdings nur in einem sehr begrenzten Rahmen, welcher sämtliche Körper ausschließt, die von der Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität abweichen.

Heute erscheint mir Vieles von dem, was mich als Teenagerin so beschäftigte, unfassbar banal. Süß sein kann jede*r, ob groß oder klein. Das gleiche gilt für sämtliche andere Eigenschaften, die ich nicht hatte und mit meiner Größe in Verbindung gebracht habe. Ich finde es erschreckend, dass ich unter meiner völlig ’normalen‘ Größe von ’nur‘ 1,80m so gelitten habe. Dass ich enttäuscht war, dass mein Wachstum nicht gestoppt werden sollte, obwohl die Hormone meinem Körper geschadet hätten. Dass Blicke anderer Menschen mich so beeinflusst und teilweise so gekränkt haben. Dass mein Selbstbild von meiner Größe abhängig war. Dass größer sein als die ‚Norm‘ etwas so Schlimmes für mich war. Viele haben mich nie verstanden, auch heute noch nicht. Ich verstehe Vieles davon auch nicht mehr.

Es schockiert mich, dass ich als Mädchen* das Gefühl hatte, ich müsse süß und hilfsbedürftig wirken um eine*n Partner*in zu finden oder um meine Rolle als Mädchen* in der Gesellschaft zu erfüllen. Und ich finde es alarmierend, dass dieses Gefühl von so vielen Seiten bestärkt wird. In Filmen, Zeitschriften, von Freund*innen, von den Blicken Anderer, die sehr deutliche zeigen, dass es nicht ’normal‘ ist, als Frau* groß zu sein.

 

 

Oki! Grüzis, helena

 

 

 

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