ALSO KAUM

Ich menstruiere nicht.

Also kaum.

Also kaum.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum. Zumindest nicht ohne Beihilfe von künstlich zugeführten Hormonen.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum. Zumindest so selten und so wenig, dass ich mich jedes Mal wieder wie 14 fühle. Zurückversetzt auf die angenehm tief angebrachte Toilette mit den orange gestrichenen Wänden und der Schöner Wohnen meiner Eltern auf dem Boden, wie ich meine braun verschmierte Unterhose anstarre und für einen Moment bleibt alles kurz stehen

bevor die leicht panische Überforderung mit meiner körperlichen cis-Realität einsetzt.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum. Und mittlerweile habe ich mich an dieses kaum gewöhnt.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum. Und mittlerweile habe ich mich an dieses kaum gewöhnt. Auch an das cis-Frau* sein und als solche gelesen werden habe ich mich gewöhnt. Und auch an die Kombination aus kaum und cis. Doch manchmal, wenn meine Freund*innen oder Partner*innen darüber sprechen, wie viel sie menstruieren, wie oft sie menstruieren, wie viele Tampons oder Binden sie verbrauchen, wenn sie menstruieren, welche Produkte sie gerne und welche sie ungern benutzten – Mooncup: ja oder nein? –, wie viel Geld all das in ihrem Leben schon gekostet haben muss, welche Schmerzen – physisch oder psychisch – sie beim Menstruieren spüren, welche Gelüste oder Stimmungen sie während ihrer Menstruation fühlen, ob sie exakt 28 oder 30 Tage, unregelmäßig, 3 oder 9 Tage lang menstruieren, kommt in mir wieder das 14-jährige Mädchen hoch. Das nicht mehr ganz so klein, aber nach wie vor verwirrt ist von ihrem Körper, den schon B-Körbchen großen und immernoch wachsenden Brüsten, der aufkommenden Akne sowie der aufkommenden Lust jede und jeden zu knutschen, der explosionsartig wachsenden Hüfte, der wachsenden Schenkel, der Einbildung nun in ein gewisses Bild passen zu müssen – nicht zu dick, nicht zu schlank, nicht zu sportlich, nicht zu lahm, geschminkt, doch nicht zu doll, sexy, doch nicht zu doll, frech und höflich und freundlich und aufmüpfig – und das alles auf einmal. Wenn also dieses 14-jährige Mädchen in mir hochkommt, dann kommen die Überforderungen, die Ansprüche und die Vorstellungen, wie etwas zu sein haben müsse, ebenfalls mit hoch: Style – Schule – Anstand – Körper – Knutschen – und Menstruation. Einmal im Monat – nicht 1-3 mal im Jahr – für 3-7 Tage – nicht für 1-2 Tage – Blut und Schmerzen – nicht braune Schmiere und kaum gespürt. In diesen Momenten, also wenn das 14-jährige Mädchen in mir meint einen Unterschied zwischen mir und meinen (stark) menstruierenden Freund*innen zu erkennen, stellt es sich die Frage, ob es mit voller Legitimation sagen darf, dass es eine Frau* ist, ob es sich mit voller Legitimation als Frau* fühlen darf. In diesen Momenten muss ich immer kurz schlucken, alles bleibt kurz stehen

und es steigt kurz das Gefühl der schon damals gespürten leicht panischen Überforderung in mir auf. Doch mittlerweile fange ich mich recht schnell und sage dem 14-jährigen Mädchen, dass Menstruation – ob vorhanden, kaum oder gar nicht – noch lange keine Frau* aus ihm macht. Ich sage ihm, dass, wenn es sich als Frau* fühlen möchte, es das dann selbst in der Hand hat, dies umzusetzen und zu definieren. Ich sage ihm, dass wenn es manchmal oder irgendwann keine Frau sein möchte, es das auch nicht sein muss. Ich sage ihm, dass, egal welche Form von Idee es von sich selbst hat, es immer irgendwelche Menschen geben wird, die diese Form oder Idee schlecht machen wollen. Ich sage ihm, dass es diese Menschen aber gar nicht braucht, um glücklich zu sein. Und ich sage ihm, dass Frau* sein oder nicht-Frau* sein nur ein kleiner Mini-Anteil von ihm ist, dass es nichts ist, auf das es seine ganze Idee von sich selbst aufbauen soll, da es so viel mehr ist als das. So wie es eben nicht nur den einen Namen hat, sondern drei und es für diese wiederum etliche Kombinations-, Abkürzungs-, oder Spitznamenmöglichkeiten gibt.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum.

Medizinisch gesehen lautet die Diagnose PCOS (polyzystisches Ovarialsyndrom). Von vielen Ärzt*innen wird das PCOS meist ausschließlich mit einer antiandrogen wirkenden Pille behandelt, um die sogenannten von Frau* zu Frau* sehr stark variierenden Symptome und die empfundenen Belastungen, also die Abweichungen von einer normierten cis-Weiblichkeit, zu regulieren und zu lindern. Trotz der massiven Nebenwirkungen einer Langzeiteinnahme der Pille – ob physich oder psychisch – werden die mittlerweile vermehrt aufkommenden Stimmen, die für eine andere, ganzheitliche und ernährungsbasierte Behandlung plädieren, häufig ignoriert.

Ich menstruiere nicht.

Also kaum.

Aber das ist eben doch nur ein Mini-Anteil,
der meine Idee von mir selbst formt.

@bauer

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