EHE FÜR ALLE.

Seit dem 30. Juni 2017 sammle ich Kommentare von verschiedensten Menschen, die meinen ledigen Status in der Gesellschaft mit herzlichem Lachen als endlich obsolet bezeichnen. Die mir überglücklich und mit einem neckischen Augenzwinkern den Ellenbogen in die Rippen hauen und sich freuen, dass jetzt doch endlich alle, aber auch alle, vor dem Gesetz gleich sind. Natürlich, sie als heterosexuelle Menschen haben sich das auch schon ganz lange gewünscht. Sie freuen sich so für mich und „meine Leute“. Wurde etwa das binäre Geschlechtersystem an diesem Tag für überholt erklärt? Oder gar ein Gesetz zum Schutz vor Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung in der Gesellschaft verabschiedet? Nein – am 30. Juni 2017 wurde in einem Votum im Bundestag über die Einführung der sogenannten „Ehe für Alle“ abgestimmt.

Mit einer Mehrheit von 393 über 226 bei 623 abgegebenen Stimmen der Parlamentarier*innen, sowie 4 Enthaltungen, wurde entschieden: Homosexuelle Paare dürfen nun heiraten und genauso Kinder adoptieren wie die normale heteronormative Familie von nebenan, die aus Mann und Frau besteht. Dies wird angemessen im Bundestag mit Konfetti gefeiert, während die Bundeskanzlerin eine Erklärung abgibt, sich zu ihrem „Nein“ positioniert und von „Gewissensfragen“ spricht, sich also erneut irgendwie aus der Affäre zieht, ohne ihre konservativen Wähler*innen zu vergraulen.

Während die „Ehe für Alle“ in anderen Ländern, zum Beispiel den USA und dem traditionell erzkatholischen Irland, bereits verabschiedet wurde, reiht sich die Bundesrepublik Deutschland vergleichbar spät in diese Entwicklung hin zur Gleichstellung ein.

Aber handelt es sich hier wirklich um einen großartigen Schritt im Kampf gegen Homophobie und Diskriminierung in der Gesellschaft, oder vielmehr um ein Eingliedern homosexueller Partner*innenschaften in die bereits vorhandenen konservativen Werte und Normen, ohne diese zu hinterfragen? Wird die Ehe nun, wie in konservativen Lagern gefürchtet, tatsächlich entwertet – oder gar gestärkt? Ich will mich mit diesen Fragen anhand Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht, Bio-Politik und seiner Definition der Normalisierungsgesellschaft nähern.

In einem Ausschnitt aus dem Text „Der Wille zum Wissen“ (siehe Literaturverzeichnis) exerziert Foucault eine historische Verschiebung der Macht am Beispiel der Verhandlung von Tod und Leben in der Gesellschaft. Mithilfe einer Einführung der Begriffe „Bio-Politik“, „Lebens-Macht“ und „Gesellschaftskörper“ wird untersucht, wie sich die Organisation der Macht statt auf die Erhaltung der Position der Souveränität innerhalb eines Staates, nun vielmehr auf die Bewirtschaftung und Steigerung des Lebens in der Bevölkerung konzentriert und somit das „Biologische“ politisch werden lässt. In anderen Worten: Geburt und Tod, Gesundheit und Krankheit, sowie private Beziehungen, also Bereiche, die man erstmal nicht unbedingt mit Staatlichkeit in Verbindungen bringen würde, werden durch den Staat normiert. Interessant dabei sind vor allem diejenigen Strategien, die es möglich machen, trotz der Verschiebung des Fokus auf die „Verbesserung“ und „Steigerung“ des Lebens (Qualität, Dauer, Effizienz, etc.), eine körperliche und geistige Unterwerfung weiterhin zu gewährleisten. Dabei umschreibt Foucault die Techniken der Unterwerfung als in zwei Sektoren aufgeteilt: Zum einen wird die Disziplinierung des Körpers in Schule und Armee sowie anderen Institutionen vorgenommen, während zum anderen durch Tabellierung der Reichtümer, durch Gesellschaftsdemographie, Geburtenkontrolle etc., die Bevölkerungssteigerung organisiert werden soll. Foucault bezeichnet diese „kontrollierte Einschaltung der Körper in die Produktionsapparate“ (vgl. Foucault 2010, S. 181) als ausschlaggebend für die Entwicklung des Kapitalismus.

Die Ehe als Vertrag vor dem Staat gehört ebenfalls ins Feld der Bio-Politik, sie organisiert die Reproduktion in Form der heteronormativen (Klein-)Familie. Ein gesetzlicher Vertrag entscheidet darüber, welche Konstellation an Menschen welchen Geschlechts in ihrem Zusammenleben gefördert wird. Unter anderem bei Themen wie Erbe, Sorgerecht sowie Finanzen besitzen verheiratete Paare deutliche Privilegien, die beispielsweise Alleinerziehenden oder anderen Benachteiligten verwehrt bleiben. Als einen der wirkmächtigsten Punkte der Bio-Macht nennt Foucault die Kontrolle der Sexualität, die sich in Form der Ehe in einer heterosexuellen monogamen Verbindung klar von anderen Lebenskonzepten unterscheidet und bevorzugt wird (Reproduktion traditioneller Rollenbilder: der Mann* ist produktiv, die Frau* reproduktiv tätig).  Unter anderem wird weiterhin ein binäres Verständnis von Geschlecht gefördert. Nun scheinen all diese Punkte jedoch durch die Einführung der „Ehe für Alle“ aufgehoben. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren sind die sonst so klar aufgeteilten Rollen eher diffus – doch lässt sich wirklich behaupten, dass somit die biologistisch geregelte Macht ebenfalls aufgebrochen wird? Oder bleibt die Macht nicht doch die gleiche? Wenn homosexuellen Paaren nun die gleichen Privilegien in der Ehe zugesprochen werden, werden sie dann nicht einfach in ein bereits bestehendes Konzept eingereiht? Wird die Ehe so nicht weiterhin als wichtigste Verbindung zwischen zwei Menschen gestärkt und weiter idealisiert? Wird ein homosexuelles Paar nicht einfach in eine bereits vorhandene „Norm“ eingegliedert?

An dieser Stelle greift Foucaults Begriff der Normalisierungsgesellschaft: Statt das Nachdenken über alternative Beziehungs- oder Familienkonzepte anzustoßen, beispielsweise die gleichen Rechte der Ehe für Freund*innen, Mitbewohner*innen, etc., also praktisch eine gleichwertige Form von Vertrag, feiert sich das Land als fortschrittlich, offen und tolerant. Der Wunsch nach dem Dazugehören zur anerkannten Hetero-Norm scheint das größte Ziel zu sein: Ein klassisches „Othering“, eine Abgrenzung einer Gruppe von „dem Rest“ (Hall 1994). Das „Othering“ wird wirksam durch den Anspruch, einer Norm entsprechen zu müssen, die der Gesellschaft als Idealzustand vorschwebt. Statt das Anderssein zu zelebrieren, will eben Zugehörigkeit siegen.

Als klar wurde, dass es zu dem Thema noch einmal eine Abstimmung im Bundestag geben soll, sah man auf einmal überall Regenbogenflaggen und Einhörner aus dem Boden sprießen – deutlich mit der LGBTIQ*-Community assoziierte Symbolik. Vor allem in Sozialen Medien wurde die Debatte als Werbestrategie benutzt. Wenn man in der Google-Suchmaschine die Wörter „Ehe für Alle“ eingibt, erscheinen an den Rändern des Bildes Regenbögen. Laut der ZEIT hätten 70% der in Deutschland lebenden Katholik*innen ebenfalls für die „Ehe für Alle“ gestimmt. Der Kapitalismus hat schon vor längerer Zeit die LGBTIQ*-Community für sich entdeckt, deren Symbolik als „Marke“ kommerzialisiert wird. Nicht nur in einer hauptsächlich weißen schwulen hegemonialen Party-Szene (Pride, etc.), sondern auch in den Medien. So verpönt kann gleichgeschlechtliche Liebe nicht mehr sein, wenn sogar in einer rechtspopulistischen Partei wie der AfD eine lesbische Politikerin an der Spitze steht. Tatsächlich findet sich die strukturelle und institutionelle Homophobie immer noch sehr stark und eben weniger offensichtlich in der Gesellschaft: Nur weil es mir möglich wäre, meine Partner*in zu heiraten, würde das nichts an einer fortwährenden Stigmatisierung meiner Person in Bezug auf meine Sexualität ändern. Vielmehr lässt sich nun leichter behaupten, dass Deutschland toleranter wird und sich weiterentwickelt. Nach wie vor gibt es aber Menschen, deren Identitäten nicht in das binäre Geschlechtersystem passen, sondern auf einem weiteren Spektrum oder gar nicht einzuordnen sind. Unter anderem fallen Inter* und Trans*Menschen aus der Rechnung.

Sicherlich kann die „Ehe für Alle“ nicht rein negativ bewertet werden. Meiner Meinung nach ist es eher unfassbar, dass sie erst dieses Jahr verabschiedet wurde. Natürlich darf sie auch als wichtiger Zwischenschritt im Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben gesehen werden, und als solcher sollte sie auch klar stehen. Viele Menschen haben lange auf diesen Tag gewartet und ich halte es für sehr wichtig dafür zu sorgen, dass jeder Mensch unabhängig von seiner*/ihrer* sexuellen Orientierung selbst entscheiden kann, mit wem er*/sie* sein*/ihr* Leben teilen möchte. Doch wenn ich persönlich Kommentare wie „endlich seid ihr gleichberechtigt“ höre, dreht es mir trotzdem den Magen um.

Literaturverzeichnis

Foucault, Michel (2010 [1967]): Der Wille zum Wissen. In: Borgard, Roland (Hrsg.): Texte zur Kulturtheorie und Kulturwissenschaft. Stuttgart: Reclam, 173-186.

copyright @ schlocki

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