MUSCHIS MALEN – LABIEN, DAS NEUE LABEL DES FEMINISMUS?

Seit Neustem vertreibe ich mir die tristen Winternachmittage in den schlechtbeleuchteten Seminarräumen mit Muschis malen. Sterne im Schulheft sind so yesterday.
Ein bisschen rebellisch das Ganze und empowernd und aus dem Internet inspiriert und so. Hmm. Beim genaueren Nachdenken über diesen erstmal banal wirkenden Zeitvertreib ergaben sich dann doch ein paar Fragen. Über Feminismus und warum Sterne eigentlich ziemlich up to date sind, insbesondere, wenn sie hinter bestimmten Wörtern stehen.
Visuelle Diskurse um Körper, Sexualität und Begehren sollten sich den ihnen innewohnenden Machtlinien von Repräsentationen bewusst sein, insbesondere auch, wenn sie sich als emanzipative Praxis verstehen. Wenn Muschis malen der coole neue feministische Trend ist, dann frage ich mich, was das eigentlich für Ausschlüsse produziert und wer sich davon angesprochen fühlt.
Klar, es geht zunächst einmal um Sichtbarkeit und Abfeiern von Vielfalt und der Awesomeness von Muschis im Allgemeinen. Ob haarig oder glatt, groß, klein, sauer, salzig oder Kelly-Fan. So weit, so super und – obwohl die Auseinandersetzung mit tabuisierter Körperlichkeit und insbesondere vulvaeske Visibility schon von vielen Künstler_innen thematisiert wurde – leider nach wie vor wichtig in einer Gesellschaft, die
a. der abstrusen Vorstellung aufsitzt, es gäbe sowas wie ein genormtes Schönheitsideal für egal welches Körperteil und in der
b. die lustvolle Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper leider nicht so easy peasy ist, geschweige denn darüber cool kommuniziert wird.
Und noch ein Haufen mehr heteronormativ-patriarchaler Bullshit. So weit so wichtig. Trotzdem ist das Problem mit Repräsentationen oft, dass sie neue Normen generieren und bestimmte Subjektpositionen außenvorlassen. Wenn sich feministische Medien, Transpis oder Tshirts ausschließlich mit Muschis labeln, kann sich mensch dann fragen: Ist Feminismus jetzt also nur was für Menschen mit Muschi? Wo bleiben die Menschen ohne Muschi oder mit Penissen oder Genitalitäten, die nicht binär sind – und die vielleicht auch mal gehäkelte Schlüsselanhänger in genitaler Form online auf Etsy kaufen wollen. Wo ist da Raum für Trans* und Inter* und für die Leute, denen ihr Vorderarsch am Hinterarsch vorbeigeht? Und Ärsche? Wo sind die eigentlich? Wenn es um visuelle Selbstermächtigungsstrategien gehen soll, dann will ich auch Nippel sehen! Und Dellen, Narben, Bäuche, alles gerne auch mit Haaren drauf – oder Streuseln, je nach gusto.
Keine Frage, Vulven sind nach wie vor tabuisiert. Viele Menschen mit Muschi wissen oft gar nicht so recht, wie ihre eigene aussieht, noch haben sie eine Sprache für und ein Wissen um die einzelnen Bereiche und Funktionsweisen. Dem etwas entgegenzusetzen ist wichtig. Es geht um das Sichtbarmachen von strukturell unsichtbar gemachten Körper/fragmente/n innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft. Es geht um Hinschauen und um Empowerment und Spass an der Freude.
Körper werden über Prozesse ihres Un/Sichtbarmachens beständig vergeschlechtlicht. Wenn auf facebook Bilder stillender Personen gemeldet werden und Instagram Nippel einer vermeintlich weiblichen Brust bannt, dann wird hier digitale Geschlechterdifferenz betrieben. Nippel mitsamt ihrer Warzenvorhöfe – welch grandioser Auswuchs deutscher Sprache – sind sowieso eine ziemlich faszinierende Angelegenheit: Kraterig und gnubbelig, mit ausufernden Rändern oder popcornartig  ausgestülpt, haarig, vernarbt oder gar nicht (mehr) da.
Der Instagram-Account @genderless_nipples zeigt die Absurdität solcher willkürlichen Unterscheidungen auf und zeigt Nahaufnahmen diverser Brustwarzen. Beim Scrollen wird klar: Alle ganz verschieden und dabei ähnlich abgespaced. Und eben nicht klar einem vergeschlechtlichten Körper zuordenbar. Auch Instagram hat da wohl plötzlich Probleme, weiß jetzt gar nicht mehr so richtig zu unterscheiden und versinkt im Gender Trouble.  Da sieht man mal, wo wir hinkämen, wenn Körper nicht mehr so einfach in die historisch konstruierten und damit so praktischen Gender-Schubladen passen würden? Stimmt genau, queere Anarchie und die Abschaffung der Kapitalgesellschaft, welch ein Graus! Deshalb dürfen ausschließlich nur Männer*-Nippel gezeigt werden und die von Frauen* sollen bitteschön von Schalen-BHs kaschiert werden, auch im Internetz. Was sich irgendwie alles ziemlich absurd und für Nicht-Nutzer_innen sozialer Netzwerke vielleicht auch irrelevant liest, ist allerdings nur ein prägnantes Beispiel für die Restriktion von Körperlichkeit im Feld Visueller Kultur, die in ihren Sichtbarkeitspolitiken gesellschaftlich normiert wird. Was gezeigt werden darf- und was eben nicht – entlarvt die Funktionsmechanismen von Geschlechterdifferenz und ihrer Willkürlichkeit.
Dicke_fette, Schwarze, dis_abelte und queere Körper sichtbar zu machen und positiv zu repräsentieren ist eine visuelle Strategie der (Selbst)Ermächtigung, da sie strukturell unsichtbar gemacht werden. Körper in ihrer Diversität medial vertreten zu sehen, kann einer*m das Gefühl geben, selber gesehen zu werden, selber sichtbarer zu sein.
Muschis zu malen kann deshalb auch empowernd sein: Ich schnapp mir nen Spiegel und widersetze mich der patriarchalen Tabuisierung meines Körpers. Ich male Labien so groß wie dein Auto. Bäm.
In einem queerfeministischen Diskurs sollte jedoch auch eine Auseinandersetzung mit visuellen Repräsentationen von Geschlecht und Körperlichkeit stattfinden und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Visuelles immer auch politisch ist und der Wunsch nach Sichtbarkeit ambivalent bleibt. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit als sich beständig gegenseitig konstruierende Größen: Zeige ich etwas, bleibt anderes ungesehen. Feministisches Muschimalen wird dann problematisch, wenn es in einem gesellschaftlichen Setting funktioniert, in dem Geschlecht (gender) und Genital (sex) eins zu sein scheinen und die gewaltsame Einordnung von Menschen in Kategorien wie Frau* und Mann* über das vorgenommen wird, was sich zwischen deinen Beinen befindet. Die Gefahr biologistischer Fallstricke und essentialistischer Eskapaden ist groß. Und trotzdem und gerade deshalb ist es wichtig, tradierte Körper/Bilder zu erweitern und zu dekonstruieren –  nicht nur theoretisch, auch am Zeichentisch. Für mehr queere Genitalpanik in Schulheften und auf Häuserwänden!

In dem Sinne: Grab your pencil and draw some body_p_art!

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