DYSPLASTISCH #3

Dysplasie – (aus altgriechisch δυσ- dys- ‚miss-, un-‚ und πλάσσειν plassein ‚formen, bilden‘; neugriechisch δυσπλασία dysplasía) beschreibt in der Medizin eine Fehlbildung oder Fehlanlage, eine Abweichung der Norm. 1 von 4500 Frauen kommt ohne eine Gebärmutter auf die Welt. Die Diagnose: Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom. Sie ist nicht gebärfähig, hat keine Möglichkeit schwanger zu werden und ihr Kind selbst auszutragen.

MRKHS. Eine angeborene genitale Fehlbildung.

Erst fehlte nur die Periode. Dann wurde herausgefunden, dass der Uterus für die Periode und auch die Vaginalöffnung wo die Periode sonst rausgekommen wäre fehlen.

Meine Diagnose brauchte 3 Ärtzt*innen und 3 Jahre. Der Weg zu einer „normal langen“ Vaginalöffnung brauchte 1 Woche auf der Intensivstation, 3 Operationen und 7 Narben. Und immer wieder wurde mir gesagt, dass etwas eigentlich so und so normal wäre, die Regel sei, also die Regel hätte ich meine Regel: „bei normalen Frauen“.

Und mir wurde das Gefühl gegeben als wäre etwas falsch mit mir, ich wäre nicht normal, da fehlt irgendwas und ich sei anders.

Ich träume davon mich vollständig zu fühlen, ohne nach einer Vervollständigung durch ein Organ zu streben. Mit geschlossenen Augen träume ich davon, dass der weibliche gelesene Körper mit xx-Chromosomen noch oft gesellschaftlich im Zusammenhang mit Gebärfähigkeit und Schwangerschaft gedacht wird und Frausein u. Muttersein daran gekoppelt sind. Mit offenen Augen träume ich davon mich von gesellschaftlichen Anforderungen zu lösen und für mich genug zu sein, davon gesellschaftlichen Herausforderungen stark gegenüber zu stehen und nicht zu denken ich sei weniger, weil ich nicht schwanger werden kann (außer durch eine Gebärmuttertransplantation).

Mit offenen und geschlossenen Augen fühle ich mich in queer-feministischen Debatten verloren und manchmal nicht zugehörig, da ich mich in verwendeten Bildern nicht repräsentiert und dadurch exkludiert fühle. Und ich merke, ich bin diese 1 in 4500.

Symbole, die für die Freiheit selbst wählen zu können ein Kind auszutragen und/ oder repräsentativ für Gebärfähigkeit stehen, werden noch zu selten inklusiv für Frauen* die nicht gebärfähig sind formuliert. Ich möchte der Thematisierung keine Legitimität absprechen. Jedoch wird immer wieder vermittelt, dass man doch sensibilisieren soll was so normal ist und was normalisiert werden soll. Soll es. Muss es.

Aber Themen, die mich exkludieren dominieren oft. Ich fühle mich ausgeschlossen und das Streben nach Freiheit, Befreiung von Normen und Bildern die die Gesellschaft auf Frauen* projiziert zeigt mir, dass ich mich aus binären Strukturen lösen möchte. Aber wie ist dies möglich, wenn mir 3 Jahre lang, bzw. bis heute, implizit vermittelt wird, dass es ein Ideal der Körperlichkeit einer Frau* gibt, und die Gebärfähigkeit inklusive der damit verbundenen genitalen Voraussetzungen dies gefühlt entscheidend definieren. Ich träume davon mich von diesen Strukturen lösen zu können.

Wie soll ich mich jedoch von Mustern lösen, wenn meine körperliche Realität mir nicht die Freiheit gibt diese überhaupt anzunehmen?

lynnq

Mehr zur Ausgabe Purple Scare #3 : https://purplescare.org/2022/02/19/einleitung-zu-purple-scare-3/

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