POLIC*INNEN #3

Ich könnte ernst sein und K. fragen, was das soll. Das wäre aber unchillig für diese seltsame Situation in der ich sowieso nur bin, weil ich durch die Corona-Krise gerade nach Gesellschaft suche. Denn ich kann meine eigentlichen Freund*innen gerade nicht treffen, da ich wegen der Pandemie übergangsweise in meiner Heimatstadt wohnen muss. Also hänge ich öfter mit Leuten, mit denen ich sonst nie hänge, die mich aber netterweise eingeladen haben. Ein ganz neues Gruppenverhalten entsteht. Usw. usw. Egal.
Ich möchte und muss nicht in jeder Situation unchillig sein.
Und da war es wieder: das Gender-Sternchen (*). Ich habe es mir beim Schreiben schon länger angewöhnt, beim Sprechen noch nicht so lange. Früher fand ich das schwierig. Ich habe gegenderte Sprache ein bisschen als Dilemma empfunden. Es hat mich einerseits angestrengt, Leuten zuzuhören wie sie „korrekt“ über andere  reden, weil ich es als eine Art „Besserwissen“ verstand. Auf der anderen Seite empfand ich aber auch Bewunderung für diese Art von angewöhnter sprachlicher Aufmerksamkeit und mühelos wirkender fortschrittlicher Anpassung durch nur wenige Silben. Heute bin ich nur noch selten in diesem Dilemma.
Und genau um dieses Thema geht es hier.

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„Habe auf dem Weg keine einzige Police gesehen“, sage ich, nachdem ich in K.s WG angekommen bin. Schon wieder irgendein englisches Wort in einen Satz gehauen. Wäre nicht nötig gewesen, habe ich mir aber angewöhnt. 
„Polic*innen meinst du wohl oder?“, lacht K. Die anderen vier am Tisch lachen auch. Ich lache auch. Wieso, frage ich mich. Fand’s nicht so lustig. Flach, fand ich das. Normalerweise gendere ich halt. K.und Co. kennen das schon und sehen es als Anlass für Witze wie diesen, weil sie es gar nicht einsehen. Oder ernst nehmen.
Nachdem alle aufgehört haben zu lachen, sage ich nichts mehr dazu.

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Ich gendere inzwischen oft und immer unterbewusster. Dafür werde ich von K. und den anderen, denen dies so fremd ist wie wenig anderes, manchmal ausgelacht. Sie meinen es nicht böse und mögen mich deshalb auch nicht weniger, sind aber auch nicht an meinen Beweggründen interessiert. Sie finden es einfach nicht notwendig, schon fast lächerlich. Fänden es nervig, wenn sich das etabliert und sich die Sprache dahingehend ändert. Sie sind in ihrem Alltag aber auch selten bis nie mit dem Thema konfrontiert, egal ob in Familie, Studium oder Freundeskreis.
Ich denke über das Thema immer öfter nach und merke auch, wie sehr ich dabei an meine eigentliche Alltags-Bubble gewöhnt bin, in der mich niemals jemand darauf ansprechen oder sich lustig machen würde, wenn ich verbal gendere. Dort tun es halt viele. Manche zwar auch gar nicht, andere selten. Aber alle haben eine Art Verständnis und ein Bewusstsein dafür. Keiner lacht, wenn vor einem Gespräch Pronomen festgelegt werden oder um „awareness“ für Gender-Themen gebeten wird. Es ist Teil der Normalität. Deshalb habe ich es mir auch immer mehr angewöhnt, mich damit auseinandergesetzt. Die Bubble kommt schnell an ihre Grenzen, besonders wenn ich von meiner Studienstadt in meine Heimatstadt wechsle.

Ich denke beim Gendern inzwischen automatisch daran, dass ich selbst, die ich mich als Frau identifiziere, auch genannt werden möchte und im Wort inbegriffen sein möchte, indem das Wort verändert ausgesprochen wird. Und deshalb möchte ich auch die gegenderte Form mit aussprechen, wenn ich über andere spreche, um eben alle Geschlechter miteinzubeziehen und die existierende Vielfalt aus-/ und anzusprechen.
Ich bezweifle die asexuelle Natur des generischen Maskulinums, das sich in einer Sprache ganz ohne gendern aber manifestiert. K. tut das nicht. Für ihn ist es aber auch kein Thema. Ich kann nicht mehr ganz darüber hinwegsehen, weil es mir wichtig geworden ist. Auch, wenn er das komplette Gegenteil zu meinen anderen „gender-affinen Freund*innen“ ist, komme ich trotzdem gut mit ihm aus. Außer ich fange eben an, zu ernst und zu offensichtlich zu gendern. Auch problematisch.

Die Variante der laut ausgesprochenen Form des Gender-Sternchens gefällt mir übrigens auch nicht zu 100%. Aber ich finde, sie ist eine wichtige Maßnahme, um nicht mehr nur noch von Freunden, Dozenten, Lehrern, Lieferanten, Bürgern, Arbeitnehmern usw. zu reden. Denn in Wahrheit sind es genauso viele Freundinnen, Dozentinnen, Lehrerinnen, Lieferantinnen, Bürgerinnen und Arbeitnehmerinnen! Und die gehören automatisch auch genannt, finde ich. Sprache verändert sich, indem man selber sie verändert nutzt. Vielleicht etabliert sich auch bald eine andere gleichberechtigtere Sprachweise, aber vielleicht gewöhnen sich auch zunehmend mehr Leute an das ausgesprochene Sternchen. Irgendwas muss und wird sich auf jeden Fall verändern, denn die bloße verbreitete Nicht-Nennung jeglicher anderen Formen als der maskulinen ist lange vorbei.

Ich hatte trotz allem noch einen ganz netten Abend mit K. und Co. Gegendert habe ich nicht mehr, werde ich in Zukunft aber wieder machen. Je nachdem, wie ich so drauf bin. 
Auf dem Rückweg habe ich übrigens auch keine Police gesehen. Auf meinem Bike.

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Lupe

Mehr zur Ausgabe Purple Scare #3 : https://purplescare.org/2022/02/19/einleitung-zu-purple-scare-3/

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